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Musik als Medizin: Zwischen Wissenschaft, Mythos und Esoterik

Aktualisiert: 4. Sept.

Musik hat seit jeher eine tiefgreifende Wirkung auf den Menschen. Sie kann Emotionen

wecken, Erinnerungen hervorrufen und uns in verschiedene Stimmungen versetzen. Doch

kann Musik auch heilen? Die Vorstellung von Musik als Medizin ist nicht neu, aber der

aktuelle Forschungsstand bietet zunehmend wissenschaftliche Evidenz für ihre

therapeutischen Potenziale. Gleichzeitig ist es wichtig, eine kritische Distanz zu

esoterischen Strömungen zu wahren, die oft unbegründete Heilsversprechen machen.

Dieser Blogbeitrag beleuchtet den wissenschaftlich fundierten Einsatz von Musik als Medizin und reflektiert kritisch die Grenzen und Missverständnisse.


Musiktherapie bei Autosmus, Demenz, ADHS und Schmerzen


Musiktherapie: Wissenschaftlich fundierte Anwendungsbereiche


Die moderne Musiktherapie ist eine evidenzbasierte Disziplin, die von ausgebildeten Fachkräften durchgeführt wird. Sie nutzt die einzigartigen Eigenschaften von Musik gezielt für therapeutische Zwecke und unterscheidet sich damit klar von der bloßen Anwendung von Musik zu Entspannungszwecken (Zhi et al., 2024). Die Forschung der letzten Jahre hat beeindruckende Ergebnisse in verschiedenen Bereichen geliefert:


Förderung der Sozialkompetenz bei Autismus-Spektrum-Störungen

Bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) zeigt die Musiktherapie vielversprechende Effekte auf die Verbesserung sozialer Fähigkeiten und der Kommunikation. Studien, darunter systematische Reviews und Meta-Analysen, deuten darauf hin, dass Musiktherapie die soziale Interaktion, die Sprachkommunikation und die funktionale Kommunikation positiv beeinflussen kann (Quelle: American Music Therapy Association). Es wird angenommen, dass die musikalische Interaktion neuronale Verbindungen stärkt und die Neuroplastizität fördert, was zu den beobachteten Verbesserungen beitragen könnte. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass eine Cochrane-Studie darauf hinweist, dass die Evidenzlage bezüglich der Auswirkungen auf soziale Interaktion und verbale/nonverbale Kommunikation noch unklar ist und weitere hochwertige Forschung erforderlich ist, um die Wirksamkeit in allen Aspekten eindeutig zu belegen. Die Wirksamkeit hängt oft von individuell angepassten musiktherapeutischen Methoden ab.

Bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen zeigt Musiktherapie vielversprechende Ergebnisse. Eine Cochrane-Metaanalyse von Geretsegger et al. (2014) fand moderate Effekte auf soziale Interaktion und Kommunikationsfähigkeiten (standardisierte Mittelwertsdifferenz: -0.77 bis -0.36). Besonders interessant ist, dass diese Effekte auch über das Ende der Therapie hinaus bestehen bleiben können.



Unterstützung bei Entwicklungsstörungen mit Sprachverzögerung & ADHS

Auch bei Entwicklungsstörungen, die mit Sprachverzögerungen einhergehen, zeigt die Musiktherapie positive Ansätze. Untersuchungen legen nahe, dass Musiktherapie einen messbaren Einfluss auf die Sprachentwicklung von Kindern haben kann (Gross et al., 2010). Sie kann die Sprachkommunikation und verbale Fähigkeiten verbessern und bei Kindern mit neurologischen Entwicklungsverzögerungen die Interaktionsstile modifizieren sowie motorische und zwischenmenschliche Fähigkeiten fördern. Auch hier gilt, dass die Forschung, insbesondere ältere Studien, die Notwendigkeit robusterer Studien und klarerer Definitionen betont, um die Evidenzbasis weiter zu festigen (Gross et al, 2010).

Bei Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist die Evidenz schwächer. Einzelne randomisierte kontrollierte Studien berichten über Verbesserungen der Aufmerksamkeitsspanne, jedoch fehlen größere, gut kontrollierte Langzeitstudien. Die berichteten Effektstärken sind meist klein (d < 0.3), was klinisch wenig relevant sein könnte.


Musik, Kognitive Leistung und gesundes Altern

Musik aktiviert ein komplexes Netzwerk im Gehirn, das weit über die reinen Hörareale hinausgeht. Moderne bildgebende Verfahren zeigen, dass Musikverarbeitung Bereiche wie den Präfrontalkortex, den Hippocampus und die Amygdala einbezieht – Regionen, die für Kognition, Gedächtnis und Emotionsregulation zentral sind. Diese neurobiologische Grundlage bildet das Fundament für therapeutische Ansätze.

Der berühmte "Mozart-Effekt" – die Behauptung, dass das Hören klassischer Musik die Intelligenz steigert – ist wissenschaftlich weitgehend widerlegt. Die ursprüngliche Studie von Rauscher et al. (1993) zeigte nur einen kleinen, temporären Effekt auf räumlich-zeitliche Denkaufgaben, der nach 10-15 Minuten wieder verschwand.

Die Evidenz für neurologische Musiktherapie ist am stärksten bei der Schlaganfallrehabilitation (z.B. Bradt et al., 2010, Hietanen, 2008). Eine systematische Übersichtsarbeit von Särkämö et al. (2008) zeigte, dass Musikhören nach einem Schlaganfall die Verbesserung von verbaler Erinnerung und fokussierter Aufmerksamkeit um etwa 60% beschleunigen kann. Die Effektstärken liegen hier bei d = 0.4-0.6, was als moderate bis starke Effekte einzuordnen ist.

Bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz sind die Befunde gemischter (McDermott et al, 2013). Eine Metaanalyse von van der Steen et al. (2017) fand kleine bis moderate Effekte (d = 0.3-0.4) auf Stimmung und Verhaltenssymptome, jedoch keine konsistenten Verbesserungen kognitiver Funktionen. Die methodische Qualität vieler Studien ist jedoch limitiert, was die Interpretation erschwert.

Langzeiteffekte musikalischer Aktivität auf spezifische kognitive Funktionen sind jedoch durchaus belegt. Eine Longitudinalstudie von Hanna-Pladdy und MacKay (2011) fand, dass ältere Erwachsene mit musikalischer Vorerfahrung bessere exekutive Funktionen und Arbeitsgedächtnisleistungen zeigten. Die Effektstärken waren jedoch moderat (d = 0.3-0.4), und die Kausalrichtung bleibt unklar. Die Neurowissenschaften liefern zunehmend Belege dafür, wie Musik das Gehirn im Alter positiv beeinflussen kann. Musikalische Erfahrungen bei älteren Erwachsenen tragen nicht nur zum Wohlbefinden bei, sondern sind auch mit einem erhaltenen Gehirnvolumen und der Aktivierung neuronaler Netzwerke verbunden, die an kognitiven Funktionen beteiligt sind (Tichko et al., 2022). Das Erlernen eines Musikinstruments, selbst im höheren Alter, kann Neuroplastizität induzieren und die strukturelle Integrität des Gehirns verbessern. Eine sechsmonatige Klavierausbildung bei gesunden älteren Menschen zeigte beispielsweise eine verbesserte strukturelle Integrität der weißen Substanz (Jünemann et al., 2022).

Obwohl die Evidenz eine starke positive Korrelation zwischen musikalischem Engagement und gesundem Gehirnaltern nahelegt, sind weitere Langzeitstudien erforderlich, um definitive kausale Zusammenhänge zu etablieren und die optimalen Arten und Dauern musikalischer Interventionen zu verstehen.


Frühgeborene: Zwischen Hoffnung und Realität

Die Forschung zu Musikinterventionen bei Frühgeborenen ist besonders emotional aufgeladen, da Eltern verzweifelt nach Möglichkeiten suchen, ihren vulnerablen Kindern zu helfen. Eine umfassende Metaanalyse von Standley (2012) untersuchte 13 Studien mit insgesamt 1.093 Teilnehmern. Die Ergebnisse zeigen moderate Effekte auf physiologische Parameter wie Herzfrequenz und Atmung sowie auf das Fütterungsverhalten.

Besonders bemerkenswert sind die Befunde zur neurologischen Entwicklung. Eine Pilotstudie von Lordier et al. (2019) verwendete fMRI-Bildgebung und fand, dass Frühgeborene, die im Inkubator Musik hörten, im Alter von 12 Monaten stärkere Verbindungen in auditiven und sensomotorischen Netzwerken aufwiesen. Jedoch war die Stichprobe klein (n = 39) und eine unabhängige Replikation steht aus.

Kritisch zu bewerten ist, dass viele Studien methodische Schwächen aufweisen. Die Kontrollgruppen sind oft nicht adäquat verblindet, und die verwendeten Outcome-Maße sind teilweise von fraglicher klinischer Relevanz. Zudem zeigen verschiedene Meta-Analysen erhebliche Heterogenität zwischen den Studien, was auf uneinheitliche Interventionen und Patientenpopulationen hindeutet.


Stress- und Schmerzmanagement

Ein weiteres wichtiges Anwendungsfeld ist das Stress- und Schmerzmanagement. Systematische Reviews und Meta-Analysen belegen, dass Musiktherapie einen mittelgroßen bis großen Effekt auf stressbedingte Ergebnisse hat. Musikhören kann Stress subjektiv und physiologisch reduzieren (z.B. positive Veränderungen im Cortisolspiegel) und sich positive auf immunologische und endokrinolgische Faktoren auswirken (z.B. Kreutz et al., 2012). Im Schmerzmanagement hat Musiktherapie nachweislich die Schmerzintensität und Angst bei medizinischen Interventionen reduziert, die Entspannung gefördert und den Bedarf an Beruhigungsmitteln verringert. Meta-Analysen legen nahe, dass Musik den Opioidbedarf signifikant senken und die Ergebnisse bei chirurgischen Patienten verbessern können (z.B. Iyendo, 2016). Die Evidenz zeigt, dass musikbasierte Interventionen sowohl auf die Schmerzintensität als auch auf die emotionale Belastung durch Schmerz positive Auswirkungen haben können. Auch hier ist zu beachten, dass die Wirksamkeit je nach Art des Schmerzes und der individuellen Reaktion variieren kann.



Die Schattenseiten: Esoterische Strömungen und unbegründete Heilsversprechen

Während die wissenschaftliche Musiktherapie auf Evidenz und fundierten Methoden basiert, gibt es im Bereich der „Musik als Medizin" auch Strömungen, die sich esoterischer oder pseudowissenschaftlicher Behauptungen bedienen. Diese können das seriöse Feld der Musiktherapie diskreditieren und bei Patienten falsche Hoffnungen wecken.


Problematische Aspekte:


• Unwissenschaftliche Annahmen:

Einige Ansätze in der Musiktherapie, die sich esoterischen Traditionen annähern, basieren auf Annahmen wie der „Korrespondenzlehre" oder mystischem Denken, die keine wissenschaftliche Grundlage haben. Solche holistischen Theoriebildungen können zwar ansprechend wirken, entbehren jedoch der empirischen Überprüfbarkeit.


• Fehlende Abgrenzung:

Oftmals wird der Begriff „Musiktherapie" unsachgemäß verwendet, auch von Personen, die keine entsprechende Ausbildung oder Qualifikation besitzen. Dies führt zu einer Verwischung der Grenzen zwischen professioneller, evidenzbasierter Therapie und unregulierten Praktiken, die potenziell schädlich sein können.


• Pseudowissenschaftliche Behauptungen:

Insbesondere in Bereichen wie der Autismus-Therapie, die anfällig für unkonventionelle Ansätze sind, können pseudowissenschaftliche Behauptungen im Zusammenhang mit Musiktherapie auftreten, wenn diese nicht streng wissenschaftlich untermauert sind. Es ist entscheidend, zwischen nachweislich wirksamen Interventionen und solchen zu unterscheiden, die lediglich auf anekdotischer Evidenz oder unbewiesenen Theorien beruhen.


• Diskreditierung des Fachgebiets:

Unbegründete Heilsversprechen oder die Vermischung mit esoterischen Praktiken können das Ansehen der gesamten Musiktherapie als seriöse, wissenschaftlich anerkannte Behandlungsform untergraben. Dies erschwert es, die Akzeptanz und Finanzierung für evidenzbasierte Musiktherapie zu sichern.


Konkrete Beispiele esoterischer und pseudowissenschaftlicher Behauptungen:


• 432 Hz Heilmusik:

Eine weit verbreitete pseudowissenschaftliche Behauptung ist, dass Musik, die auf 432 Hz gestimmt ist (anstelle des Standard-440 Hz), besondere heilende Eigenschaften besitzt, mit kosmischen Frequenzen in Einklang steht oder eine tiefere positive Wirkung auf Körper und Geist hat. Diese Behauptungen entbehren oft einer wissenschaftlichen Grundlage und basieren eher auf numerologischen oder spirituellen Interpretationen als auf empirischen Beweisen.


• "Wasserkristall-Musik" und Zellresonanz

Inspiriert von Masaru Emotos widerlegten Wasserkristall-Experimenten behaupten manche Anbieter, dass Musik die Struktur von Körperwasser verändern könne. Diese Konzepte ignorieren grundlegende Prinzipien der Physik und Biochemie und wurden nie in peer-reviewten Studien bestätigt.


• Solfeggio-Frequenzen:

Ähnlich wie bei 432 Hz werden bestimmte Frequenzen (wie 528 Hz, die als „Liebesfrequenz" beworben wird) als heilend angepriesen. Befürworter behaupten, dass diese Frequenzen DNA reparieren, Chakren ausbalancieren oder spirituelle Transformation bewirken können. Wissenschaftliche Studien, die diese spezifischen Behauptungen stützen, fehlen jedoch.


• Vibrationsheilung und Energiearbeit:

Einige esoterische Ansätze behaupten, dass Musik, Klänge oder spezifische Frequenzen die Energiefelder, Chakren oder feinstofflichen Körper des Menschen direkt manipulieren können, um Heilung zu fördern. Während Klänge physiologische Effekte haben können (z.B. durch Knochenleitung oder auditive Verarbeitung), fallen Behauptungen über direkte Energiemanipulation zur Heilung oft außerhalb des Bereichs der evidenzbasierten Medizin.


• „Quantenheilung" und Quantenmedizinische Erklärungen

Begriffe wie "Quantenresonanz" oder "bioenergetische Frequenzen" klingen wissenschaftlich, haben aber nichts mit der tatsächlichen Quantenphysik zu tun. Sie dienen lediglich dazu, esoterischen Praktiken einen pseudowissenschaftlichen Anstrich zu verleihen.


• Unbegründete Heilsversprechen für Krankheiten:

Die Vorstellung, dass eine bestimmte Frequenz oder ein bestimmtes Musikstück universell heilend wirkt, widerspricht allem, was wir über individuelle Unterschiede in der Musikwahrnehmung wissen. Musikpräferenzen, kultureller Hintergrund und persönliche Assoziationen spielen eine entscheidende Rolle für die emotionale Wirkung von Musik. Manche Personen oder Gruppen behaupten, dass bestimmte Arten von Musik oder Klangtherapie spezifische Krankheiten, einschließlich schwerwiegender Erkrankungen wie Krebs, heilen können, ohne robuste wissenschaftliche Beweise aus klinischen Studien vorzulegen. Solche Behauptungen sind besonders gefährlich, da sie dazu führen können, dass Individuen auf konventionelle, evidenzbasierte Behandlungen verzichten.


• Verallgemeinerte „positive Energie" oder „spirituelle Ausrichtung":

Während Musik zweifellos positive Emotionen hervorrufen und zum Wohlbefinden beitragen kann, schreiben einige esoterische Ansichten die Heilung vagen Konzepten wie „positivem Energietransfer" oder „spiritueller Ausrichtung" durch Musik zu, ohne messbare Mechanismen oder Ergebnisse zu definieren. Dies steht im Gegensatz zur wissenschaftlichen Musiktherapie, die sich auf messbare Veränderungen in physiologischen, psychologischen und sozialen Bereichen konzentriert.


• Binaurale Beats als Allheilmittel:

Während binaurale Beats durchaus messbare Effekte auf Gehirnwellen haben können, werden sie oft als Wundermittel für alles von Gewichtsverlust bis hin zur Steigerung des IQs beworben. Viele dieser Behauptungen gehen weit über die tatsächlich nachgewiesenen Effekte hinaus.


Resonanz und Heilung: Zwischen Physik und Phantasie

Das Konzept der "Resonanz" wird in der Musikmedizin sowohl wissenschaftlich fundiert als auch pseudowissenschaftlich missbraucht. Eine differenzierte Betrachtung ist daher unerlässlich.


Wissenschaftlich belegte Resonanzeffekte


Vibroakustische Therapie: Niederfrequente Vibrationen zwischen 20-120 Hz, insbesondere um 40 Hz, zeigen in kontrollierten Studien messbare physiologische Effekte. Diese mechanischen Vibrationen können tatsächlich Zellmembranen und Gewebestrukturen beeinflussen. Die Frequenzen entsprechen teilweise Gehirnwellenaktivitäten und bieten "tiefe physische zelluläre Stimulation".

Die zugrundeliegenden Mechanismen sind teilweise verstanden: Akustische Technologien können präzise Kräfte in geeigneten Längen- und Frequenzbereichen erzeugen und damit zelluläre Funktionen beeinflussen. Mechanotransduktion - die Umwandlung mechanischer Reize in biochemische Signale - ist ein etablierter Mechanismus der Zellbiologie.


Zelluläre Schallwahrnehmung: Neue Forschung deutet darauf hin, dass Zellen im menschlichen Körper möglicherweise Schall wahrnehmen können - eine Fähigkeit, die bisher nur spezialisierten Sinnesorganen zugeschrieben wurde. Aminosäure-Vibrationen bewegen sich in einem Frequenzspektrum zwischen 0 und 25.000 Hz, was theoretische Grundlagen für direkte zelluläre Schalleffekte liefert.


Mechanistische Grenzen: Wichtig ist jedoch, dass die experimentellen Aufbauten stark variieren - von reinen Tönen bis zu breitbandigen Signalen, von 20 bis 100 dB Schalldruckpegel und Expositionszeiten von Sekunden bis zu 3 Tagen. Diese Variabilität macht es schwierig, spezifische "Heilfrequenzen" zu identifizieren.


Die Grenze zur Pseudowissenschaft


Spezifische "Heilfrequenzen": Während niederfrequente Vibrationen nachweislich physiologische Effekte haben können (positive wie negative, siehe Forschung zu Soundscapes), ist die Behauptung spezifischer "Heilfrequenzen" für bestimmte Organe oder Krankheiten wissenschaftlich unbegründet. Studien mit Zellkulturen und hörbarem Schall zeigen, dass die getesteten Frequenzen meist zwischen 40 und 840 Hz lagen, jedoch mit großer Variation in Obertönen und anderen Frequenzanteilen.


Bioresonanztherapie: Geräte mit Frequenzbereichen von 1 Hz bis 800 kHz, die angeblich "elektromagnetische Vibrationen von Allergenen" invertieren und an den Körper senden, entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage. Die behaupteten Wirkmechanismen widersprechen fundamentalen Prinzipien der Physik und Biochemie.


Zelluläre "Eigenfrequenzen": Die Vorstellung, dass "in der Homöostase elektromagnetische Felder um Körper, Organe, Zellen, Knochen, Gewebe und Flüssigkeiten eine gesunde Schwingungsfrequenz haben", ist eine poetische Metapher, aber keine wissenschaftlich belegte Tatsache. Lebende Systeme sind zu komplex für solche simplen Resonanzmodelle.


Wichtige Unterscheidung

Es ist von größter Bedeutung, zwischen der wissenschaftlich fundierten Musiktherapie, die von qualifizierten Fachkräften durchgeführt wird und deren Wirksamkeit durch Forschung belegt ist, und Praktiken zu unterscheiden, die zwar Musik einbeziehen, aber keine empirische Unterstützung haben oder esoterische und spirituelle Interpretationen nutzen. Die Kritik richtet sich nicht gegen die tiefgreifende Wirkung von Musik an sich, sondern gegen Behauptungen, die über die nachweisbaren Effekte hinausgehen und nicht durch wissenschaftliche Evidenz gestützt werden.


Kritische Bewertungskriterien

Seriöse Resonanzforschung unterscheidet sich von Pseudowissenschaft durch folgende Merkmale:

  1. Mechanistische Präzision: Echte Forschung beschreibt spezifische biophysikalische Mechanismen (z.B. Mechanotransduktion), nicht vage "Energiefelder"

  2. Dosisabhängigkeit: Legitime Effekte zeigen klare Dosis-Wirkungs-Beziehungen bezüglich Frequenz, Amplitude und Expositionsdauer

  3. Reproduzierbarkeit: Effekte müssen in unabhängigen Laboratorien reproduzierbar sein

  4. Spezifität vs. Universalität: Echte biologische Effekte sind oft gewebe- oder zelltyp-spezifisch, nicht universell


Warnsignale für Pseudowissenschaft:

  • Behauptungen über "universelle Heilfrequenzen"

  • Verwendung physikalischer Begriffe ohne deren korrekte Definition

  • Versprechen von Wunderheilungen ohne kontrollierte Studien

  • Vermischung verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen ohne kohärente Theorie


Kritische Bewertung der Effektgrößen

Bei der Interpretation musiktherapeutischer Studien ist eine kritische Bewertung der Effektgrößen unerlässlich. Nach Cohen's Konventionen gelten Effektstärken von d = 0.2 als klein, d = 0.5 als moderat und d = 0.8 als groß. Viele musiktherapeutische Interventionen zeigen Effekte im kleinen bis moderaten Bereich, was durchaus klinisch relevant sein kann, aber weit von den "Wunderheilungen" entfernt ist, die manchmal behauptet werden.

Zudem ist zu bedenken, dass Musiktherapie oft mit erheblichem zeitlichem und personellem Aufwand verbunden ist. Eine ehrliche Kosten-Nutzen-Analyse muss diese Faktoren berücksichtigen und Musiktherapie mit anderen, möglicherweise effektiveren Interventionen vergleichen.


Die Musiktherapieforschung steht vor besonderen methodischen Herausforderungen. Doppelblind-Studien sind praktisch unmöglich, da sowohl Therapeut als auch Patient wissen, ob eine Musikintervention stattfindet. Dies kann zu Erwartungseffekten und systematischen Verzerrungen führen.

Viele Studien leiden unter kleinen Stichprobengrößen, unzureichender Randomisierung und dem Fehlen langfristiger Nachbeobachtung. Die Heterogenität der Interventionen macht es schwierig, die Ergebnisse verschiedener Studien zu vergleichen und allgemeine Schlussfolgerungen zu ziehen.


Fazit: Musik als Medizin – Ein Potenzial mit Verantwortung


Musik hat zweifellos ein enormes Potenzial als therapeutisches Werkzeug. Die wissenschaftliche Musiktherapie hat in den letzten Jahrzehnten beeindruckende Fortschritte gemacht und ihre Wirksamkeit in einer Vielzahl von Anwendungsbereichen – von der Förderung sozialer Kompetenzen bei Autismus über die Unterstützung bei Sprachverzögerungen bis hin zum Management von Stress und Schmerz sowie der Begleitung des gesunden Alterns – eindrucksvoll belegt. Diese Erfolge basieren auf sorgfältiger Forschung, evidenzbasierten Methoden und der Arbeit qualifizierter Musiktherapeuten.

Besonders bemerkenswert sind die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse, die zeigen, wie Musik das alternde oder geschädigte Gehirn positiv beeinflussen kann. Diese Entwicklungen unterstreichen die Bedeutung einer interdisziplinären Herangehensweise, die Musiktherapie, Neurowissenschaften und Audiologie miteinander verbindet.

Die wissenschaftliche Evidenz für therapeutische Effekte der Musik ist durchaus vorhanden, aber differenzierter zu betrachten, als es populärwissenschaftliche Darstellungen oft suggerieren. Besonders bei neurologischen Rehabilitationsmaßnahmen, bestimmten Entwicklungsstörungen und als adjuvante Behandlung bei Frühgeborenen zeigt Musiktherapie messbare, wenn auch moderate Effekte.

Gleichzeitig ist es wichtig, musiktherapeutische Interventionen von den zahlreichen pseudowissenschaftlichen Behauptungen abzugrenzen, die den Bereich bevölkern. Seriöse Musik-basierte Medizin basiert auf kontrollierten Studien, nicht auf esoterischen Spekulationen über Heilfrequenzen oder Quantenresonanz.

Die Zukunft der Musikmedizin liegt in einer wissenschaftlich fundierten, evidenzbasierten Herangehensweise, die realistische Erwartungen setzt und klar zwischen belegten Effekten und unbewiesenen Behauptungen unterscheidet. Nur so kann das therapeutische Potenzial der Musik vollständig ausgeschöpft werden, ohne Patienten falschen Hoffnungen hinzugeben oder sie von wirksameren Behandlungen abzuhalten.



Quellen:


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    https://www.mdpi.com/2077-1444/14/10/1229 

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