Notfallstrategien für Musiker: Wenn die Panik zuschlägt
- Dr. Teresa Wenhart

- 12. Nov.
- 4 Min. Lesezeit
Vor dem Auftritt plötzlich Panik? Dieser Beitrag zeigt dir wissenschaftlich fundierte Notfall-Techniken aus Neuropsychologie und Traumatherapie. Sie helfen dir, Herzrasen, Zittern oder kreisende Gedanken in den Griff zu bekommen – damit du präsent, geerdet und spielfähig bleibst.

Notfallstrategien für Musiker
Du stehst kurz vor dem Auftritt und plötzlich ist da diese Wand aus Angst. Dein Herz rast, die Hände zittern, dein Geist ist wie leergefegt. In solchen Momenten helfen keine langfristigen Strategien oder tiefgreifenden Reflexionen – jetzt brauchst du sofortige, praktische Hilfe.
Diese Notfall-Techniken basieren auf Erkenntnissen der Neuropsychologie und Traumatherapie. Sie nutzen die natürlichen Regulationsmechanismen deines Nervensystems, um dich schnell aus dem Kampf-oder-Flucht-Modus herauszuholen.
1. Das 5-4-3-2-1 Grounding: Zurück in den Körper
Wann einsetzen: Bei Panik-Symptomen oder wenn du dich "neben dir stehend" fühlst ("Dissoziation").
Die Neuropsychologie dahinter: Panik entsteht, wenn dein Grosshirn (rationales Denken) die Bühne verlässt und emotionale Aktivierung in tieferliegenden Hirnstrukturen wie der Amygdala (Gefahrenzentrum) die Führung übernehmen. Grounding aktiviert gezielt sensorische Netzwerke und bringt dein Grosshirn zurück und dich zurück in die Gegenwart.
So funktioniert's:
5 Dinge, die du siehst (z.B. Notenpult, Vorhang, Person in Reihe 3, deine Schuhe, Bühnenlicht)
4 Dinge, die du hörst (z.B. Publikumsgeräusche, deine Atmung, Klimaanlage, Schritte)
3 Dinge, die du körperlich spürst (z.B. Stuhl unter dir, Kleidung auf der Haut, Instrumente in deinen Händen)
2 Dinge, die du riechst (z.B. Holz deines Instruments, Raumduft)
1 Ding, das du schmeckst (z.B. der letzte Geschmack des Mittagessens, Kaugummi)
Diese Technik kannst Du auch mit einem Ensemble-Partner durchführen, z.B. wenn du erkennst, dass jemand anderes gerade akuten Auftrittsstress verspürt.
2. Physiologische Beruhigung: Der Vagusnerv-Hack
Wann einsetzen: Bei körperlichen Stress-Symptomen wie Herzrasen, Schweißausbrüchen oder Zittern.
Die Biopsychologie dahinter: Der Vagusnerv (Parasympathikus) ist der Gegenspieler des Stresssystems (Sympathikus) und die "Bremse" deines Nervensystems. Bestimmte körperliche Aktionen können ihn direkt stimulieren und dich binnen Sekunden beruhigen.
Technik 1 - Cold Plunge für den Kopf:
Halte dein Gesicht 30-60 Sekunden unter kaltes Wasser oder
Lege einen kalten, feuchten Lappen auf Augen und obere Wangen
Technik 2 - Valsalva-Manöver:
Atme tief ein und presse die Luft gegen geschlossene Lippen heraus (wie beim Druckausgleich)
Halte 10-15 Sekunden, dann atme langsam aus
Wiederhole 2-3 Mal
Technik 3 - Summen/Gurgeln:
Summe einen tiefen Ton für 30-60 Sekunden oder
Gurgele mit Wasser
3. Kognitive Notbremse: Der Pattern-Interrupt
Wann einsetzen: Wenn katastrophisierende Gedanken kreisen ("Ich werde versagen", "Alle werden mich auslachen").
Die Kognitionspsychologie dahinter: Angst-Gedanken laufen in automatischen Schleifen ab. Ein "Pattern-Interrupt" durchbricht diese Schleifen durch unerwartete kognitive Inputs.
Variante 1 - Die Absurditäts-Bremse:
Nimm deinen Angst-Gedanken und übertreibe ihn ins Lächerliche
"Ich spiele falsch" → "Ja, und dann wird das Konzerthaus einstürzen und Außerirdische landen"
Lache bewusst über die Übertreibung
Variante 2 - Mathematik-Challenge:
Zähle von 100 in 7er-Schritten rückwärts: 100, 93, 86, 79...
Oder rechne: 17 x 4, dann 28 x 3, dann 15 x 6
Das rationale Gehirn muss sich anstrengen und bringt Aktivität zurück ins Grosshirn
Variante 3 - Perspektiv-Zoom:
Frage: "Wird das in 5 Jahren noch wichtig sein?"
Stelle dir vor, du beobachtest die Situation aus 10 Metern Höhe
Oder denke: "Ich bin ein Mensch auf einem Planeten, der durchs All rast – und ich mache Musik"
4. Express-Erdung durch Bewegung: Embodied Reset
Wann einsetzen: Wenn du dich "weggebeamt" oder unwirklich fühlst.
Eine Embodiment-Technik: Bei Stress "friert" das Nervensystem oft ein (Freeze-Response). Spezifische Bewegungen können diesen Zustand durchbrechen und das System neu starten.
Mikro-Bewegungen:
Schüttle 30 Sekunden lang Hände und Arme aus (wie nasse Hunde)
Rolle die Schultern 10 Mal vor und zurück
Klopfe mit den Handflächen sanft deinen ganzen Körper ab
Power-Posing:
Stehe 2 Minuten in einer "Sieger-Pose": Arme hoch, Brust raus, Füße breit
Dies verändert messbar Hormon-Spiegel (weniger Cortisol, mehr Testosteron)
Grounding-Schritte:
Stampfe bewusst mit beiden Füßen auf den Boden, springe hoch und runter oder renne die Treppe rauf
Spüre die Verbindung zur Erde
Sage innerlich: "Ich bin hier, ich bin sicher, ich bin bereit"
Die Notfall-Kette: Strategische Anwendung
Diese Techniken sind nicht beliebig austauschbar. Je nach Art deiner Stress-Reaktion brauchst du unterschiedliche Interventionen:
Bei körperlichen Symptomen: Beginne mit Vagusnerv-Stimulation
Bei Gedankenkreisen: Nutze Pattern-Interrupts
Bei Dissoziation/Unwirklichkeit: Setze auf Grounding und Bewegung
Bei allgemeiner Überforderung: Starte mit 5-4-3-2-1
Grenzen der Notfall-Intervention
Diese Techniken sind oft für akute Stresssituationen, aber sie sind symptomatisch, nicht ursächlich. Sie können dir durch den Moment helfen, lösen aber nicht die tieferliegenden Muster, die zu diesen Notfällen führen.
Wenn du regelmäßig in solche Panik-Zustände gerätst, ist das oft ein Hinweis auf tiefer liegende Themen – dysfunktionale Schemata, unbearbeitete Ängste oder akute Stressreaktionen, die in deinem Lebensstil und/oder deiner Geschichte verwurzelt sind. (Psychologisches Coaching für Musiker:innen)
Siehe auch:
Vorbereitung ist alles
Die beste Notfallstrategie ist die, die du nie brauchst. Übe diese Techniken regelmäßig in entspannten Momenten, damit sie in Stresssituationen automatisch abrufbar sind. Erstelle dir eine persönliche "Notfall-Karte" mit deinen bevorzugten Techniken.
Und denke daran: Auch wenn diese Methoden wissenschaftlich fundiert sind, ersetzen sie bei schweren oder wiederkehrenden Symptomen von Angst und Panik keine professionelle therapeutische Begleitung. Manchmal ist der mutigste Schritt der, sich Hilfe zu holen.







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