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Psychologische Grundbedürfnisse von Musikerinnen und Musikern – zwischen Selbstwert, Zugehörigkeit und emotionalem Ausdruck

Aktualisiert: 24. Jan.

Musikerinnen und Musiker stehen oft unter hohem Leistungsdruck – dabei geraten zentrale psychologische Grundbedürfnisse wie Selbstwert, Zugehörigkeit und emotionaler Ausdruck leicht aus dem Gleichgewicht. In diesem Beitrag beleuchte ich, wie diese Bedürfnisse das Musikerleben prägen, welche Konflikte im Beruf entstehen und warum Balance entscheidend für Wohlbefinden und künstlerische Freiheit ist. Erfahre praxisnah, wie du deine Grundbedürfnisse erkennst und ausgleichst, um Stress zu reduzieren und erfüllter Musik zu machen.



Illustration zu den psychologischen Grundbedürfnissen nach Young, adaptiert auf den Kontext von Musiker:innen durch die Musikpsychologin Dr. Teresa Wenhart: Zwei Häuser nebeneinander, die Säulen für sichere Bindung, Autonomie/Kompetenz, freier Ausdruck von Emotionen, Spiel/Spontaneität und realistische Grenzen/Kontrolle tragen. Links sind die Grundwerte stabil dargestellt, rechts die durch Werte und autoritäre Glaubenssätze verzerrte Version. Darunter Hinweis auf Persönlichkeit, Temperament und biologische Anlage als Basis.

Musikerinnen und Musiker lieben, was sie tun. Und trotzdem erleben viele von ihnen chronischen Stress, innere Konflikte, Einsamkeit oder das Gefühl, sich selbst irgendwo auf dem Weg verloren zu haben. Ein zentraler Schlüssel zum Verständnis liegt oft nicht in mangelnder Technik oder Disziplin – sondern in unerfüllten oder unausbalancierten Grundbedürfnissen.


In der Psychologie gibt es verschiedene Theorien zu Grundbedürfnissen. Je nach Forschungsgruppe werden fünf, sechs oder mehr Bedürfnisse beschrieben. In diesem Beitrag beziehe ich mich auf das Modell von Jeffrey Young, dem Begründer der Schematherapie, der fünf kindliche Grundbedürfnisse formuliert hat (Young, 2003). Diese fünf Bedürfnisse sind auch im Erwachsenenalter hochrelevant – insbesondere im Musikerberuf.


Die fünf Grundbedürfnisse nach Young

Young beschreibt folgende fünf zentrale Grundbedürfnisse:


  1. Sichere Bindung und Zugehörigkeit


  2. Autonomie, Identität und Kompetenz erleben


  3. Freier Ausdruck von Emotionen und Bedürfnissen


  4. Spiel, Spaß und Spontaneität


  5. Gesunde Grenzen und Kontrolle


Niemand hat „kein Bedürfnis“ nach einem dieser Punkte. Unterschiede zeigen sich vor allem darin, welche Bedürfnisse besonders stark ausgeprägt sind, welche bevorzugt befriedigt werden – und welche aktuell oder chronisch zu kurz kommen. Dies hängt sowohl von der (neuro-) biologischen Veranlagung als auch von biographischen Erfahrungen - insbesondere ein Kindheit und Jugend - und der aktuellen Lebenssituation ab.


Häufig sind nicht-erfüllte Grundbedürfnisse an der Entstehung von

maladaptiven Schemata beteiligt. Das Erkennen und adäquate Erfüllen eigener (verletzter) Grundbedürfnisse ist ein wesentlicher Bestandteil des Schema-Coachings.



Psychologische Grundbedürfnisse von Musikern - und welche besonders häufig ein Thema sind


Musiker bewegen sich häufig in sehr individuellen beruflichen Strukturen: frühe Leistungsbewertung, Konkurrenz, öffentliche Sichtbarkeit, körperliche Nähe zur eigenen Leistung und oft unsichere Arbeitsverhältnisse. Je nach Tätigkeitsfeld – Musikpädagogik, Solokarriere, Orchester, Kammermusik, Jazz, Pop – werden unterschiedliche Grundbedürfnisse angesprochen oder vernachlässigt.


Das Bedürfnis nach Kompetenz und Identität – oft überbetont

Bei vielen Musikerinnen und Musikern steht das zweite Grundbedürfnis besonders im Vordergrund:

„Ich kann etwas gut – also bin ich wertvoll.“


Schon früh erleben viele:

  • Lob für Begabung

  • Anerkennung für Erfolge

  • Aufmerksamkeit für Wettbewerbsergebnisse


Spätestens an Musikhochschulen zeigt sich das deutlich: Wer welche Wettbewerbe gewonnen hat, wer welche Stelle oder welches Engagement bekommen hat, wird sichtbar hervorgehoben. Kompetenz und Leistung werden zum zentralen Identitätsanker.

Das Problem entsteht nicht durch dieses Bedürfnis an sich – sondern dann, wenn Anerkennung, Zugehörigkeit oder Selbstwert fast ausschließlich an Leistung gekoppelt sind.


Wenn Freundschaft und Konkurrenz kollidieren

Viele Musiker treten schon sehr früh in Konkurrenz zueinander – oft mit Menschen, die gleichzeitig enge Freunde sind. Wettbewerbe, Probespiele und Vorspiele gefährden dabei ungewollt andere psychologische Grundbedürfnisse von Musikern:


  • Bindung und Zugehörigkeit

  • Freier emotionaler Ausdruck

  • Spiel und Leichtigkeit


Wer verliert oder „nicht gewinnt“, erlebt häufig Selbstzweifel, Scham oder inneren Rückzug. Diese Gefühle belasten Freundschaften – obwohl Freundschaft eigentlich ein Raum ohne Vergleich sein sollte.


Hinzu kommt:


Durch hohe Arbeitsbelastung, Reisetätigkeit und Rollenmix (Lehre, Orchester, Freelance, eigene Projekte) bleibt oft wenig Raum für Beziehungen außerhalb des Musikbetriebs. Freundschaften entstehen dann überwiegend im beruflichen Kontext – und sind damit oft an Leistung, Verfügbarkeit oder Nutzen gekoppelt.


Anerkennung ist nicht gleich Bindung

Ein besonders heikler Punkt im Musikerleben (aber auch in vielen anderen Berufen und Kontexten, in denen Leistung erwartet wird):


Anerkennung für Leistung wird leicht mit echter Zugehörigkeit oder Liebe verwechselt.

Applaus, Lob, Fans oder positives Feedback fühlen sich gut an – ersetzen aber keine Beziehung, in der man:


  • verletzlich sein darf

  • auch mit Fehlern akzeptiert wird

  • unabhängig von Erfolg wertvoll ist


Viele Musiker haben früh unbewusst gelernt:


„Ich bekomme Zuwendung, wenn ich etwas leiste.“


Das kann langfristig dazu führen, dass emotionale Nähe und Selbstwert an Bedingungen geknüpft werden - und man das selbst so weiter gibt.


Autonomie vs. Kontrolle – ein klassischer Orchesterkonflikt

Ein weiterer häufiger Spannungsbereich betrifft das Bedürfnis nach Autonomie im Konflikt mit Kontrolle und Grenzen.


Gerade im Orchester:

  • strenge zeitliche Vorgaben

  • klare Hierarchien

  • Dirigat

  • uniforme Kleidung

  • feste Sitzordnungen

  • synchronisierte Bewegungen


All das gibt Struktur und Sicherheit – kann aber auch zu einem chronischen Gefühl von Autonomieverlust führen. Abweichungen werden schnell als Fehler oder Nicht-Zugehörigkeit erlebt.


Im Vergleich dazu bieten Kammermusik oder Jazz häufig mehr Spielraum:


  • gemeinsames Aushandeln

  • spontane Gestaltung

  • Improvisation

  • unmittelbarer Selbstausdruck


Nicht zufällig empfinden manche Musiker diese Formate als lebendiger oder „nährender“ – andere hingegen als verunsichernd. Auch hier spielt Persönlichkeit eine große Rolle.


Grundbedürfnisse individuell ausbalancieren

Keines der fünf Grundbedürfnisse ist „gut“ oder „schlecht“. Problematisch wird es erst, wenn einzelne Bedürfnisse dauerhaft überbetont oder unterdrückt werden.


  • Grenzen geben Sicherheit – können aber einengen

  • Autonomie fördert Identität – kann aber isolieren

  • Emotionaler Ausdruck ist wichtig – braucht aber Rücksicht

  • Kompetenz stärkt Selbstwert – darf aber nicht alles ersetzen


Gesundheit, Zufriedenheit und künstlerische Freiheit entstehen dort, wo diese Bedürfnisse in ein lebbares Gleichgewicht kommen.


Fazit & selbst-Reflektion


Eine der wichtigsten Reflexionsfragen lautet daher:

Welches Grundbedürfnis ist bei mir aktuell übermäßig erfüllt – und welches kommt zu kurz?


Und weiter:


  • Wie kann ich dieses Bedürfnis außerhalb reiner Leistung befriedigen?

  • Wo brauche ich mehr Grenzen – und wo mehr Freiheit?

  • Wo verwechsel ich Anerkennung mit Zugehörigkeit?


Diese Auseinandersetzung ist ein entscheidender Schritt zu mehr Wohlbefinden, weniger Stress, weniger Konflikten mit anderen und einem gesünderen Musikerleben.


Mehr lesen:

(Schemata bei Musikerinnen und Musikern)



Eigene Forschung:


Wenhart, T. & Hildebrandt, H. (2025). Music Students' Psychological Profiles: Unveiling Three Coping Clusters Using Schema Mode Inventory. Frontiers in Psychology, 16, 1673100. https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2025.1673100/full


Wenhart T. Mental Stark, psychisch gesund - Konzeption von Schema-Workshops für Musiker:innen und Musiklehrkräfte. 2024 DOI: 10.13140/RG.2.2.21773.51686



Quellen:

(Schemata, Schematherapie und Schemacoaching generell)


  • Young, J.E., Klosko, J.S. & Weishaar, M.E. (2003) Schema Therapy: A practitioner’s guide. New York, NY: Guilford Press

  • Jacob, G., & Arntz, A. (2015). Schematherapie in der Praxis. Beltz

  • Handrock, A., Zahn, C. A., & Baumann, M. (2016). Schemaberatung, Schemacoaching, Schemakurzzeittherapie. Beltz

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In diesem Blog geht es um die vielfältigsten Themen aus dem Grenzbereich zwischen Musikermedizin & Musikphysiologie, Mentale Gesundheit, Neurowissenschaft der Musik, Musikpsychologie, Audiologie & Gehörschutz. Die kurzen Beiträge sollen das mentale und physische Schutzschild der Musizierenden stärken, helfen, Musik als Schutzzauber im Sinne einer Medizin für den Geist gesundheitsfördernd einzusetzen und auch einfach unterhalten.

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