Das "Innere Orchester" Mapping: Wenn deine Psyche Kammermusik spielt
- Dr. Teresa Wenhart

- vor 3 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Während du übst, probst oder konzertierst kämpfen in deinem Kopf verschiedene "Stimmen" gegeneinander: der unerbittliche Perfektionist, die ängstliche Zweiflerin, die kreative Träumerin. Meine Übung "Das Innere Orchester Mapping" hilft dir, diese psychischen Anteile systematisch zu identifizieren und zu koordinieren, statt von ihnen sabotiert zu werden. Eine praxisnahe Technik inspiriert durch Psychologie und Schemaarbeit für mehr Selbstregulation, mentale Klarheit und Erfolg als professionelle:r Musiker:in.

Stell dir vor, in deinem Kopf sitzt nicht nur ein:e Musiker:in, sondern ein ganzes Orchester. Während du übst, führt "Maestro Perfetto" lautstark die erste Geige, "Tremolina" zittert nervös am Kontrabass, und "Kritikus Maximus" hämmert unerbittlich auf die Pauke ein. Kein Wunder, dass dabei manchmal Kakophonie statt Harmonie entsteht ;-).
Die meisten Mentaltraining-Ansätze versuchen, diese "störenden" Stimmen zum Schweigen zu bringen. Obwohl diese Strategien kurzfristig helfen können, sind sie nicht immer nachhaltig und manchmal langfristig sogar kontraproduktiv. Diese verschiedenen Anteile deiner Psyche sind nicht deine Feinde – sie sind Ensemblemitglieder, die nur nie gelernt haben, zusammenzuspielen.
Meine Übung "Innere Orchester Mapping" ist eine Technik inspiriert durch Schemaarbeit und Persönlichkeitspsychologie, die auf der Erkenntnis basiert: Dein Geist ist kein Monolith, sondern ein komplexes System verschiedener "Ich-Zustände". Statt sie zu bekämpfen, lernst du, sie zu dirigieren – allerdings ist dieser Dirigierposten (in der Schemaarbeit "Fitter Erwachsene") anspruchsvoller, als es zunächst scheint.
Die Psychologie der inneren Stimmen
Was in der Alltagssprache als "innere Stimmen" und "Schutzstrategien" bezeichnet wird, sind neuropsychologisch betrachtet Teile neuronaler Netzwerke, die in unterschiedlichen Situationen aktiviert werden. Die Forschung zur Schemaarbeit zeigt: Diese neuronalen Muster ("Schemata") entwickeln sich als adaptive Reaktionen auf Lebenserfahrungen.
"Maestro Perfetto" in dir ist nicht grundsätzlich schlecht – er hat vermutlich in der Vergangenheit dafür gesorgt, dass du hohe Standards entwickelt hast. "Tremolina" warnt dich vor möglichen Gefahren. Andere Ensemble-Mitglieder versuchen auf ihre Weise, dich zu schützen oder voranzubringen.
Das Problem entsteht, wenn diese Anteile autonom agieren, ohne Rücksicht auf den Kontext oder die anderen "Orchestermitglieder". Dann kämpfen sie gegeneinander, statt für ein gemeinsames Ziel zu arbeiten.
Schritt 1: Dein inneres Orchester kennenlernen
Die Orchestermitglieder: Hier ein paar typische "Charaktere", die in vielen inneren Orchester mitspielen:
"Mister Perfetto" (Der unermüdliche Perfektionist)
Seine Lieblingssätze: "Das muss noch 47 Mal gespielt werden!" "Diese Verzierung war um 0,03 Sekunden zu lang!"
Wird besonders laut bei: Auftritten, schwierigen Passagen, wenn andere zuhören
"Tremolina" (Die sorgenvolle Alarmistin)
Ihre Spezialität: "Was wenn...?" Szenarien in Endlosschleife
Wird besonders nervös bei: Neuen Stücken, Publikum, unbekannten Situationen
"Virtuosa" (Die ambitionierte Träumerin)
Ihr Motto: "Ich könnte die nächste [berühmt:e Musiker:in] werden!"
Träumt besonders laut bei: Inspiration, erfolgreichen Übungseinheiten, auf Reisen
"Prokrastinio" (Der charmante Aufschieber)
Seine Ausreden: "Aber erst noch schnell die Emails..." "Das Instrument muss noch gestimmt werden..." (zum 5. Mal)
Wird aktiv bei: Schwierigen Aufgaben, Zeitdruck, montagmorgens
Schritt 2: Das erste Ensemblemeeting
Wichtiger Hinweis: Diese ersten Schritte sind wie ein erstes Date mit deinem inneren Orchester. Du lernst euch kennen, aber tiefere Beziehungsarbeit braucht Zeit und oft professionelle Moderation.
Vor dem Üben (5-10 Minuten):
Setze dich ruhig hin und atme ein paar Mal tief durch
Frage: "Wer von euch möchte heute mitreden?"
Lausche bewusst, welche Stimmen sich melden
Gib ihnen Namen, Charaktere, Aussehen eetc., die zu ihrer "Persönlichkeit" passen
Beispiel-Dialog (vereinfachte, gekürzte Fassung):
Du (Maestro/Maestra): "Also, Maestro Perfetto, was ist heute dein Plan?"
Maestro Perfetto: "Wir müssen diese Passage 73 Mal spielen, bis sie perfekt ist!"
Tremolina: "Aber was, wenn wir sie bis zum Auftritt trotzdem nicht schaffen?"
Prokrastinio: "Eh... vielleicht sollten wir erst mal das Metronom kalibrieren? Dauert nur 2 Stunden..."
Du: "Okay, okay, alle mal langsam..."
Schritt 3: Die Herausforderung des Dirigierens
Hier wird es interessant – und anspruchsvoll. Die Dirigent*innen-Rolle zu übernehmen ist leichter gesagt als getan. Deine inneren "Musiker:innen" haben jahrelang ohne Dirigent:in gespielt und sind nicht unbedingt begeistert von der neuen Leitung.
Häufige Fallen für Dirigent:innen innerer Orchester:
Der Demokratie-Fehler: Alle Stimmen gleichberechtigt anhören führt zu endlosen Diskussionen
Der Diktator-Fehler: Einzelne Stimmen zum Schweigen zwingen wollen führt zu Rebellion
Der Therapeut-Fehler: Jede Stimme verstehen wollen führt zur Analyse-Paralyse
Was dann häufig wirklich passiert - Beispiele:
Mister Perfetto ignoriert deine Anweisungen und wiederhohlt eine Passage trotzdem 73 mal
Tremolina interpretiert jede Pause als Katastrophe ("Warum ist es so ruhig? Stimmt was nicht?")
Prokrastinio nutzt die "Orchestermeetings" als neue Ausrede ("Ich kann nicht üben, ich führe gerade wichtige innere Dialoge!")
Schritt 4: Das Stimmen-Tagebuch
Ein Tagebuch zu führen ist hilfreich, um Beobachtungen festzuhalten und im Verlauf neue Erkenntisse zu machen. Nicht selten stellt man so fest, dass bestimmte Gedanken oder Gefühle immer wieder auftreten oder welche zufällige Massnahme bei der einen oder der andere Orchestermusiker:in deines inneren Orchesters "geholfen" hat, sie und ihn besser zu integrieren:
Beispiel-Eintrag, Woche 1:
Situation: "Schwere Etüde geübt"
Dominierende Stimme: "Mister Perfetto mit Unterstützung von Tremolina"
Dialog-Versuch: "Mister Perfetto, ich könntest du heute entspannter..."
Tatsächlicher Verlauf: "45 Minuten Wiederholung der gleichen 4 Takte"
Erkenntnis: "Ich bin noch nicht der Chef hier", "Ich brauche eine andere Strategie"
Beispiel-Eintrag, Woche X:
Situation: "erneute Arbeit an Etüde nach Pause"
Dialog-Versuch: "Mister Perfetto, ich möchte heute..., Was brauchst du, dass du dich zurückhältst...?"
Dominierende Stimme: "Mister Perfetto im Hintergrund, Tremolina abwesend"
Verlauf: "fokussiertes Üben, gelegentliche Einwürfe von Mister Perfetto schon recht früh erkannt"
Erkenntnis: "Verhandlung von Grenzen hilft meinem Mister Perfetto, Tremolina kommt dann gar nicht erst auf die Bühne"
Beispiel-Eintrag, Woche Y:
Situation: "Auftrittsvorbereitung"
Neue Stimme entdeckt: "Prokrastinio" (hat plötzlich eine Idee für ein neues Projekt, das sofort skizziert werden muss; Dauer: 5h)
Verlauf: "unkonzentriertes Üben, Tremolina betritt die Bühne"
Erkenntnis: "Es gibt mehr Ensemble-Mitglieder als gedacht..."
Warum es funktioniert und warum es Zeit braucht
Diese Übung basiert auf Techniken aus der Schemaarbeit und fördert mehrere psychologische Selbstkompetenzen:
Mentalisierung & Meta-Kognition: Du entwickelst die Fähigkeit, deine eigenen mentalen Zustände aus der Distanz zu beobachten – aber diese Fähigkeit braucht Training, wie ein Muskel.
Selbstregulation: Der achtsame Umgang mit eigenen Emotionen und Gedanken erfordert einen komplexen Lernprozess, der nicht mit dem Lesen eines Blog-Beitrag und einmaligem Durchführen der Übung erledigt ist.
Integration: Die verschiedenen Anteile zu koordinieren ist wie Musiker:innen in ein Kammermusik-Ensemble oder Orchester zu integrieren – es braucht viel Empathie, Übung und manchmal einen erfahrenen Coach. (Siehe: Schemaarbeit bei Musikern)
Wann du professionelle Verstärkung brauchst
So hilfreich diese Selbst-Exploration ist, es gibt Situationen, wo ein:e erfahrene:r Psycholog:in oder Coach den Unterschied macht:
Wenn dein inneres Orchester streikt:
Bestimmte "Musiker:innen" sind chronisch destruktiv oder übermächtig
Die gleichen Konflikte wiederholen sich trotz deiner Bemühungen
Du fühlst dich von den inneren Stimmen überwältigt statt ermächtigt
Wenn alte "Partituren" zu dominant werden:
Tief verwurzelte Muster aus der Kindheit überlagern deine Dirigent:innen-Bemühungen
Biografische Erfahrungen beeinflussen dein inneres Orchester unbewusst und führen zu starken Emotionen während der Übung
Siehe auch: Schemata bei Musikern - psychologische Muster erkennen und Selbstkompetenz stärken
Ein:e Psycholog:in kann:
Als neutrale:r "Orchestermentor:in" zwischen deinen inneren Stimmen vermitteln
Blinde Flecken erkennen, die du selbst nicht siehst
Deine Selbstwirksamkeit & Selbstkompetenz als Dirigent:in deines inneren Ensembles stärken und dir als dirigentisches Rollenmodell neue dirigentische Techniken vermitteln
Tiefere Schemata aufdecken und bearbeiten, um die inneren Anteile kontrollierter auf deiner Bühne auftreten lassen
Personalisierte Strategien entwickeln für dein spezifisches "Ensemble"
Siehe: Coaching und Schemaarbeit bei Musiker:innen
Vom Chaos zur Kammermusik – mit realistischen Erwartungen
Das "Innere Orchester"-Mapping ist ein kraftvoller erster Schritt und kann bereits viel bewirken. Du wirst wahrscheinlich feststellen:
Deine inneren Stimmen werden weniger automatisch und mehr bewusst
Konflikte zwischen verschiedenen Anteilen werden erkennbarer
Du entwickelst mehr Selbstmitgefühl für deine "inneren Musiker:innen"
Aber sei realistisch: Echte Dirigierfähigkeiten entwickeln sich über Monate und Jahre, nicht über Wochen oder Tage - sowie sich auch die Musiker:innen deines Ensembles über Jahre und Jahrzehnte entwickelt und ausgebildet haben. Selbst der/die beste Dirigent:innen haben eine:n Mentor:in oder Supervisor:in.
(Für Last-Minute-Notfallstrategien, liess dir gerne diesen Beitrag durch: Notfallstrategien für Musiker)
Fazit
Das Schönste an dieser Arbeit: Jeder Schritt macht dich nicht nur zu einer:einem bewussteren Musiker:in, sondern auch zu einem bewussteren Menschen. Und wenn du irgendwann merkst, dass dein inneres Orchester tatsächlich miteinander Kammermusik spielt – das ist ein Moment, der jede Mühe wert ist. Beziehungen – zu anderen Menschen und zur Musik.
Mehr Lesen
Interview mit der Deutschen Orchestervereinigung Unisono: https://uni-sono.org/wp-content/uploads/2024/11/2024-11-28-Huebsch-im-Interview-mit-HIldebrandt-und-Wenhardt-2024.pdf
Quellen:
Wenhart, T. & Hildebrandt, H. (2025). Music Students' Psychological Profiles: Unveiling Three Coping Clusters Using Schema Mode Inventory. (submitted, in review)
Wenhart T. Mental Stark, psychisch gesund - Konzeption von Schema-Workshops für Musiker:innen und Musiklehrkräfte. 2024 DOI: 10.13140/RG.2.2.21773.51686







Kommentare